Warum werden Bartagamen so oft krank?

Gerade hatte ich eine Diskussion mit der besseren Hälfte, die sich darüber wunderte, warum man mit Bartagamen häufig Probleme mit Krankheiten hat, die offenbar Halter anderer Reptilien nicht haben. Wenn man über die Sache logisch nachdenkt, ist die Ursache aber ziemlich einfach zu ergründen.

Oft, in Foren und Büchern, wird falsche Haltung als Ursache angegeben. Bartagamen sind Wüstentiere und haben - wie allerdings jede Spezies - bestimmte Bedingungen die sie zum Leben benötigen. Da wäre die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Licht zu nennen. Die meisten Fehler werden beim Licht gemacht. Einer der Hauptverdächtigen ist UV-Mangel, es werden also Leuchtmittel eingesetzt, die zu wenig (oder gar kein) UV-Licht emittieren. Ohne UV können Bartagamen kein Vitamin-D erzeugen (so wie viele Lebewesen), was zu Mangelerscheinungen führen kann. Allerdings kann ein Vitamin-D Mangel nicht erklären, warum eine Bartagame anfällig für Nematoden ist.

Ein weiterer Faktor ist falsche Ernährung. Manche behaupten, Lebendfutter wäre schädlich. Andere geben nur Lebendfutter. Meiner Meinung nach ist das Nonsense. Sieht man sich an, wie die in der Natur leben, wird schnell klar, warum: dort fressen Bartagamen was sie bekommen können. Das passiert zu den unterschiedlichsten Tageszeiten und beinhaltet die unterschiedlichsten Nahrungsquellen. Es kommt auch auf die Gegend an, wo eine Bartagame lebt und was es dort für Nahrungskonkurrenten gibt.

Nein, die eigentliche Ursache ist, dass Bartagamen in Gefangenschaft zu empfindlich sind. Und zwar alle, die heute in Gefangenschaft leben. Denn man muss sich darüber im Klaren sein, dass es in Australien verboten ist, Bartagamen auszuführen (seit den 1970ern, nach dem CITES Abkommen). Daraus folgt, dass sämtliche Bartagamen, die es heute ausserhalb Australiens gibt, letztlich mehr oder weniger miteinander verwandt sind. Neue Gene kommen im Fall von Bartagamen nicht dazu, weil es keine Wildfänge gibt. Diese genetische Verarmung, die in der freien Natur schon mal zum Aussterben einer Spezies führen kann, macht die Tiere empfindlicher gegenüber Krankheiten, Parasiten oder schwankenden Umweltbedingungen.

Ein weiterer Faktor, der daraus folgt, ist, dass sich schwache, kranke oder behinderte Tiere in Gefangenschaft fortpflanzen können. In Australien ist das aber nicht so, wie überall in der Natur. Tiere, die zu empfindlich gegenüber Krankheitserregern sind, sterben und bekommen keinen Nachwuchs. Tiere, die zu langsam sind, sterben. Tiere, deren Knochen zu schwach sind, sterben. Und so weiter. Diesen Prozess nennt man Auslese und er führt zu Evolution. Deshalb gibt es in Australien eine stabile, gesunde Population von Bartagamen. Die "Population" ausserhalb Australiens jedoch ist keiner Auslese ausgesetzt. Ein Züchter tötet keine schwachen Tiere, sondern peppelt sie aufwändig auf. Tiere mit Rachitis werden mit speziellen Präparaten mehr schlecht als recht am Leben erhalten. Und alle diese Tiere, die in der Natur Todeskandidaten wären, erzeugen Nachwuchs.

Und wenn man sich diesen Nachwuchs mal anschaut, dann stellt man fest, dass es sich um die Nachkommen schwacher, kranker, genetisch armer, aus Inzucht stammender Eltern sind. Da muss man sich doch nicht wundern, dass die alle krank werden. Nähme man alle derzeit weltweit in Gefangenschaft lebenden Bartagamen, brächte sie nach Australien und wilderte sie dort aus, würden wahrscheinlich auf den Schlag 80% direkt sterben. Und von den überlebenden 20% wird vielleicht 1-2% Nachwuchs haben.

Vergleicht man die Situation der Bartagamenhaltung mit anderen Reptilien, sieht man nun auch, wo der Unterschied ist: bei anderen Reptilien kommen regelmäßig Wildfänge hinzu. Diese frischen den Genpool auf und sorgen dafür, dass die Tiere gesund und robust sind. Denen machen dann auch kleine Mängel in der Haltung nichts aus. Aber immer dann, wenn eine Tierart in Gefangenschaft gehalten wird und es keine Wildfänge gibt (sei es weil verboten oder weil ausgestorben), ergibt sich im Lauf der Zeit dieses Problem. Das haben übrigens nicht nur Bartagamenhalter. Ich als Aquarianer kann zumindest eine weitere Spezies nennen, bei denen das ebenso ist: Guppys. Bei normalen Zuchtguppys ist es heute Stand der Dinge, dass fast die Hälfte des Nachwuchses behindert ist. Diese Guppys sind die Kinder von Geschwistern von Kindern von Geschwistern von Kindern von Geschwistern und so weiter. Nur, dass sich Guppys wesentlich schneller fortpflanzen als Bartagamen, daher geht das dort auch viel schneller bergab.

Die Frage der Fragen ist, was tun? Viele beginnen damit, ihre Bartagamen nicht mehr in einer klinisch reinen Umgebung zu halten. Äste und Baumstämme werden nicht desinfiziert, Bodengrund direkt aus der Natur entnommen, Blätter nicht gewaschen und so weiter. Der Gedanke dahinter ist, dass sich die Abwehrkräfte der Tiere, dadurch dass sie vielen Bakterien und potentiellen Krankheitserregern ausgesetzt sind, ausbilden und verstärken. Bis zu einem gewissen Grad mag das stimmen. Die Sache hat aber einen Haken: wo nichts ist, kann nichts werden. Abwehrkräfte sind eine Mischung aus genetischer Veranlagung und Erlerntem (der Organismus lernt hier, nicht das Tier). Ist das Tier von Haus aus zu schwach und man setzt es einer solchen Haltung aus, wird es eingehen.

Mein Rat ist daher der einzig naheliegende: Keine Bartagamen halten. Das sagt sich leicht dahin, wir haben auch drei davon. Und wenn wir die weggeben würden, wären deren Probleme nicht gelöst, nur unsere. Aber neu anschaffen würde ich mir nach meinem heutigen Wissensstand jedenfalls keine Bartagamen mehr.

Ansonsten, wenn es denn unbedingt eine Bartagame sein muss: ich würde von Farbzuchten abraten, insbesondere von europäischen Farbzuchten. Mit der Wildform ist man am besten dran (Unter Amateuren auch als "Nominaten" bekannt). Solche Tiere sind recht unscheinbar, sie sind eher grau und meist recht dunkel. Farbige Stellen sind wenige und nur selten zu sehen.

Ja, eine Farbzucht sieht natürlich schöner aus. Aber die Freude vergeht schnell angesichts der Arbeit und der Kosten. Vom Wohlergehen des Tieres mal ganz abgesehen. Also besser von irgendwelchen "Cistrus Blah" oder "Red Fire Blubber" die Finger lassen.

Farbzuchten sehen so aus (unser Männchen Sir William):

Bild: Sir William
Sir William (Sept. 3, 2012, 7:20 p.m.)
[Tags: barties ] [Album: Terrarium ]

03.09.2012 15:19 CC0 barties terrarium Terrarium

Ähnliche Beiträge:

1 Kommentar zu Warum werden Bartagamen so oft krank?

#1 Reptilien meinte am 04.03.2013 21:41:
Zu empfindlich kann gut sein. Über den Königspython liest man ja auch das ein oder andere, von wegen schlechte Fresser, etc. Ich glaube, dass bei Bartagamen vielleicht noch nicht der letzte Kniff für ein Leben in Gefangenschaft gefunden ist ... so war (und ist es zum Teil auch noch) beim Python regius auch.


Kommentieren:
Persoenliche Angaben

Bitte geben Sie einige Angaben ueber sich ein.

Sind Sie ein Mensch?

Bitte beantworten Sie die dargestellte Frage (nur Zahlen als Antwort erlaubt).

Kommentar

Geben Sie hier Ihren Kommentar ein. HTML ist nicht erlaubt.

Aus welchem Land kommen Sie?
Land*:
Ihr Kommentar erscheint erst, wenn wir ihn freigegeben haben!
Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.
Sofern Sie eine Emailadresse eingeben, wird diese automatisch nach einem Monat gelöscht.
Weitere Daten werden nicht aufgezeichnet.