Alles wird gut! - Updated 09.04.2013 20:51

Gestern hatte ich mit meinem Stiefsohn ein Gespräch. Das ist an sich erstmal nichts ungewöhnliches, das Thema aber schon. Er ist einer dieser typischen jungen Leute, die sich anscheinend gar nicht für Politik interessieren, die ausser Facebook und Computerspielen nichts im Kopf haben und denen ansonsten das Schicksal der Welt egal zu sein scheint. Scheint, das ist das Stichwort.

Er fing von selber mit Fragen über Griechenland und Reparationszahlungen an, ich erklärte es ihm. Es ging weiter über Merkel, Austerity, Weltwirtschaft, Weltkrieg, Herrschaft, Macht und Machterhalt, Eliten, und so weiter, ein Wort gab das nächste und ich hatte die unbeschreiblich seltene Gelegenheit, einem jungen Menschen mit einem Virus zu infizieren. Und ich hab sie weidlich genutzt. Das war wie ein klitzekleines Fensterchen des Zweifels in seinem Geist, durch das ich zu ihm durchdringen konnte. Und es ist mir sogar gelungen, das Fenster grösser zu machen und ich hege die Hoffnung, dass es auch offen bleibt. Denn das ist meiner Meinung nach das Allerwichtigste: einen offenen Geist zu haben, offen zu sein für Neues, neue Denkmuster, Dinge von der Rückseite zu beleuchten, Querzudenken. You name it.

Das war ein höchst seltener, kostbarer Moment, wie mir im Nachhinein bewusst geworden ist. Und es war ein erhebendes Gefühl, ETWAS weitergeben zu können an die nächste Generation, quasi der Geburt eines neuen kritischen Geistes beizuwohnen.

Ein zentraler Punkt unseres Gesprächs war, dass Alles immer schlimmer wird, dass es bergab geht und wir letztlich alle untergehen werden. Er hat diese symptomatische Einstellung, die ich an dieser Stelle als Zynischen Pessimismus bezeichnen möchte - keine Erfindung meinerseits, darauf komme ich noch. Man begegnet zynischem Pessimismus tagtäglich überall. Gefühlte 99% der Menschen mit denen ich Kontakt habe, neigen zu dieser Weltanschauung. Kern dieser Anschauung ist, dass es früher besser war, als heute und dass die Welt immer schlechter wird, bzw konkret die Menschen immer schlechter werden.

Allerdings ist das ein Irrtum, ein gewaltiger noch dazu. Mein Stiefsohn begann darüber zu sinnieren, wie cool es doch sei, in der Ritterzeit zu leben. Kämpfen, Fressen, Ficken (das ist ein Zitat *g*). Allerdings musste ich ihm diesen Zahn ziehen. Ich erklärte ihm, dass die Menschen im Mittelalter selten älter als 40 Jahre alt geworden sind. Dass - wo wir bei Zähnen sind - Karies eine mögliche Todesursache war. Und das Kämpfen in diesen Zeiten bedeutete, im Schildwall zu stehen, knietief in einem Morast aus Schlamm, Eingeweiden, Scheisse und abgehackten Körperteilen mit einer Überlebenschance von ein paar Prozent. Und dass auf diesen Schlachtfeldern der Ruf "Sanitäter!" noch unbekannt war. Ich erklärte ihm, dass die Leute damals - so sie denn nicht in den Krieg eingezogen worden sind - von Sonnenaufgang bis Untergang mit Überlebenskampf und schwerer körperlicher Arbeit beschäftigt waren. Ohne Krankenkasse, Arbeitszeitbegrenzungen, Freizeit, freiem Wochenende oder gar Urlaub. Und dass in den Betten der Leute damals mehr Viehzeug lebte, als wir heute in einem Komposthaufen akzeptieren würden.

Also ja: die Welt ist besser geworden. Ich persönlich möchte um keinen Preis mit irgendeinem Leben in der Vergangenheit tauschen wollen. Vielleicht mal als Gast, zum Schauen. Mal für eine Stunde sich am Schrecken "ergötzen" oder wie man das nennen mag, ok. Aber nicht länger. Heute leben wir länger, wir haben Freizeit und zwar reichlich davon. Und es gibt weniger Gewalt. Was mich wieder zum eigentlichen Problem führt, dem zynischen Pessimismus. Glaubte man der Berichterstattung in den etablierten Medien, werden die Menschen immer gewalttätiger. Immer mehr Kriminalität, wohin man auch schaut. Mord und Totschlag! In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Es gibt immer weniger Gewalt. Ein Blick in die Kriminalstatistik genügt. Weniger Vergewaltigungen, weniger Raubüberfälle, weniger Morde. Vor allem weniger Morde.

Die spannende Frage ist, warum viele Menschen - wie mein Stiefsohn - das nicht so wahrnehmen. Und die nächste Frage ist, warum das überhaupt so ist. Die erste Frage ist leicht zu beantworten: unsere Gesellschaft entwickelt sich immer weiter. Wir werden in Summe immer friedlicher und friedliebender. Das geht einher mit einer immer höheren Akzeptanzschwelle für Gewalt. Meinem Stiefsohn habe ich diesen Effekt so erklärt: vor 20-30 Jahren wurde über einen Mord in der Zeitung auf Seite 3 irgendwo in einer Ecke berichtet (sofern das Opfer nicht prominent war). Heute jedoch wird darüber auf Seite 1 berichtet. Und zwar nicht nur an dem Tag, an dem der Fall bekannt wurde. Nein, auch am darauffolgendem, und dem danach, und dem danach - wochenlang manchmal! Und diese Berichterstattung findet auf allen Kanälen gleichzeitig in dieser Weise statt. Wenn heutzutage jemand ermordet wird (am schlimmsten ist es, wenn das Opfer ein Kind war), dann sind sämtliche Medienkanäle voll mit Mord und Totschlag!

Die Ursache dafür ist nicht - wie viele Verschwörungstheorien es gerne hätten - in korrumpierten Medien zu suchen. Die Ursache ist die praktisch nicht mehr vorhandene Akzeptanz für Gewalt in der Gesellschaft. Und dieser Prozess schreitet voran. Was heute nur tagelange Entrüstung hervorruft, wird in einigen Jahren Aufruhr verursachen, wochenlange Proteste, ein Geschrei und massenhaftes Entsetzen, das nach Artikulation sucht.

Ein anderes Beispiel, anhand dessen ich dem Stiefsohn die friedlicher werdende Menschheit erläutert habe, war die US-Army. Es ist wirklich nicht lange her, dass regelmäßig Särge in die USA zurückkehrten. Selbst mein Stiefsohn erinnert sich daran. Aber das ist heute ziemlich selten geworden. Die USA führen immer noch Krieg, daran hat sich im Grundsatz nichts geändert. Nur dass sie das inzwischen mit der Fernbedienung tun: Drohnen erledigen die schmutzige Arbeit. Und Soldaten sterben dabei nicht. Woran liegt diese Entwicklung? Viele meinen, es sei eine Frage des Geldes. Eine Drohne sei billiger als ein Soldat. Aber das stimmt keineswegs. Im Gegenteil: Drohnen kosten ein Heidengeld. Und die Soldaten braucht man trotzdem noch. Um die Drohnen herum ist eine aufwändige Infrastruktur am Leben zu erhalten. Warum also dieser exorbitante Aufwand? Die Antwort lautet: Tod wird von der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert, weil sie friedlicher geworden ist. Ja, noch immer werden von den Drohnen Menschen getötet, was scheinbar noch akzeptiert wird. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Auch diese Front bröckelt. Von Akzeptanz kann da schon lange keine Rede mehr sein. Letztere Tendenz führt zur Enwicklung präziserer Drohnen, empfindlicherer Sensoren. Alles mit dem Ziel so wenig Menschen wie möglich zu verletzen. Eine Attitüde, die die Feldherren des Zweiten Weltkriegs schrill auflachen lassen würde. Damals wurde eine Bombe abgeworfen und gut war es.

Soweit zur Theorie. Aber irgendetwas stinkt da. Etwas ist faul. Etwas stimmt da nicht. Eine Frage schwelt an der Grenze zum Bewusstsein, die unangenehm zu werden droht. Gefährlich. Dieser zynische Pessimismus: wie war das nochmal? Gefühlte 99% der Menschen neigen zu dieser Weltanschauung? Warum? Die Erkenntnis, dass die Welt eigentlich immer besser wird, sollte doch die gesamte Menschheit jubeln lassen! Aber es jubelt keiner, alle jammern und klagen! Was ist da los?

Enter Rebecca Solnit.

Ich gebe zu, noch nichts von ihr gelesen zu haben. Aber es gibt aktuell ein Interview mit ihr im BOMB Magazine. Sie beantwortet in diesem Interview diverse Fragen. Das für mich faszinierende ist aber, dass sie vor allem jene soeben aufgeworfene Frage nach dem Warum des zynischen Pessimismus beantwortet:

Machteliten glauben an eine käufliche, selbstsüchtige und im Grunde mönströse Version der menschlichen Natur (die eigentlich ihre eigene ist!). Solnit erinnert uns daran, dass man nicht unvorstellbar reich und mächtig werden kann, wenn man ein Engel ist. Diese Leute sind davon überzeugt, dass nur ihre Macht den Rest von uns auf Linie halten kann und wenn diese Macht irgendwie schrumpft oder schwindet, wird unsere unterschwellige gewalttätige Natur an die Oberfläche geraten und die Menschheit untergehen.

Wie ich oben bereits dargelegt habe, ist die Erkenntnis, dass dem nicht so ist, eminent. Auch Solnit hat das erkannt. Aber da Machtmenschen überhaupt nur wegen ihrer finsteren Ansichten und Methoden soweit kommen konnten, sehen sie auch nur Finsternis um sich herum. Der "Pöbel" da draussen ist für solche Leute eine immerwährende potentielle Gefahr. Machtmenschen nutzen jede sich bietende Gelegenheit, einen Konkurrenten auszubooten, mit allen sich bietenden Mitteln, rücksichtslos, gewissenlos. Ich gehe soweit zu behaupten, dass Machtmenschen im Grunde immer Soziopathen sind, sogar sein müssen. Kein vernunftbegabter Mensch, der auch nur über ein Minimum an Empathie und Menschenliebe verfügt, wird jemals Macht erlangen. Und so gehen diese Soziopathen davon aus, dass Alle so sind wie sie selbst. Sie haben Angst, dass die Menschen bei einer Demonstration anfangen, zu plündern, einander zu vergewaltigen und alles zu zerstören, was ihnen in den Weg kommt. So wie sie selbst es tun mussten, um ihre Macht zu erlangen.

Doch die Realität sieht freilich anders aus. Solnit erläutert das am Beispiel eines Mannes während 911. Der Mann war Athlet, er war zusammen mit Kollegen auf der Flucht vor den einstürzenden Hochhäusern. Durch seinen sportlichen Körperbau wäre er von allen der schnellste gewesen. Statt aber so schnell wegzulaufen wie er konnte, ist er mit Absicht langsamer geworden, um die langsameren Kollegen zu unterstützen. Im Angesicht des sicheren Todes hat der Mann eine rationale Entscheidung getroffen, die nicht unmittelbar ihm selbst zum Vorteil gereichte. Solche Beispiele der Selbstlosigkeit gibt es viele. Unzählige. Und sie belegen vor allem eins: die Schwarz-Weiss-Sicht der Machteliten ist grundfalsch.

Und hier schliesst sich der Kreis. Damit die Soziopathie der Machteliten weiter zum Machterhalt beiträgt, muss der zynische Pessimismus, den deren Weltanschauung eigentlich darstellt, erhalten, gepflegt und verbreitet werdeen. Indem die grosse Masse der Menschen dem gleichen zynischen Pessimismus anheim fällt, erhält die Mehrheit die Macht einer Minderheit von Soziopathen aufrecht.

Was also kann man tun, um diesen Kreis zu durchbrechen? Und mit "Durchbrechen" meine ich präzise: diese korrupten Betrüger namens Merkel & Co in die Wüste zu schicken. Das ist im Grunde sehr einfach: Spread the Word! Verbreitet diese Erkenntnis, dass sich die Menschheit eigentlich in eine positive Richtung entwickelt! Erzählt jedem der es nicht hören will, dass Gewalt weniger wird und immer weniger akzeptiert wird!

Und vergesst die Erfolge nicht zu erwähnen. Denn Geschichte wird beileibe nicht von grossen Staatsmännern, Königen oder Päpsten gemacht. Nein, der Schwarm macht Geschichte, Meme machen Geschichte, Ideen machen Geschichte, die grosse Masse der Menschen als solche macht Geschichte. Die grossen Männer (und heutzutage Frauen) springen immer nur nachträglich auf den längst fahrenden Zug auf und versuchen auf ihre soziopathische Art Profit aus neuen Entwicklungen zu schlagen. Allerdings nicht nachdem sie zuvor versucht haben, sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Erst, wenn das nicht gelungen ist (und es gelingt nie!), vollziehen sie die 180°-Wende und versuchen das Neue als ihren eigenen Erfolg zu verkaufen. Solche Manöver müsst Ihr enttarnen! Sprecht darüber! Schreibt darüber! Bloggt darüber!

Um Rebecca Solnit zu zitieren:

Die Menschen haben vergessen, wie anders die Welt wäre, wenn wir nicht all diese Dinge getan hätten. Die Frauenbewegung, die Umweltschutzbewegung, die Queerbewegung und die verschiedensten Bewegungen zur Rassengerechtigkeit: sie waren nicht alle vollständig erfolgreich, aber es wurde viel erreicht. Oft sind unsere Erfolge unsichtbar: die Spezies, die nicht ausgestorben ist, der Dissident, der nicht exekutiert wurde, die Bürgerrechte, die nicht abgeschafft wurden, das Sumpfgebiet, das keine Shoppingmall wurde.

Diese unsichtbaren Erfolge müssen verbreitet werden. Daraus wird Hoffnung geboren. Hoffnung, dass es nicht sinnlos ist, sich gegen Autoritäten aufzulehnen. Wenn Euch in Zukunft jemand fragt: aber was soll ich als einzelner nur tun?! Das hier ist die Antwort.


Update 09.04.2013 20:51:

Ein ausgezeichnetes Beispiel ist das hier: I'm a loser and I want to change that - now. Ein Mensch voller Selbstzweifel. Und wie reagiert "Der Pöbel"? Mit einem Grad der Noblesse, die erhebend ist. So viele Ratschläge und Aufmunterungen auf einen Haufen hab ich noch nicht gesehen. Niemand kommt auf die Idee, an dem Mann herumzukritteln.


09.04.2013 20:22 CC0 essay philosophie politik Gesellschaft

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