Was kommt dabei heraus, wenn man eine Institution gegen sich selbst ermitteln lässt

In Ahrensburg wurden jahrzehntelang Kinder missbraucht. Die Kirche hat's gewusst und weggeschaut. Nichts neues also. Und zwar haben die so lange weggeschaut, bis die Taten verjährt waren. Was - nebenbei bemerkt - ohnehin der Hammer ist, etwas derartiges verjähren zu lassen.

Weiter ist anscheinend nichts passiert und nun hat jemand Strafanzeige gegen zwei ehemalige Bischöfe erstattet, weil die wie erwähnt weggesehen hätten. Der Teil, der mich auf die Palme bringt ist dieser hier:

Es sei gut, dass die Kirche nun versucht herauszufinden, was passiert ist und wie so etwas in Zukunft verhindert werden kann. Die Anzeige gegen die Ex-Bischöfe hält der Verein für einen falschen Weg, weil nun die Betroffenen ihr Leid nochmals der Polizei und anderen Behörden schildern müssten. [1]

meinte Anselm Kohn, Vorsitzender des Vereins "Missbrauch in Ahrensburg" im gleichen Artikel. Da liegt er meiner Meinung nach falsch. "Die Kirche versucht herauszufinden". Was sagt uns das? Wenn man sagt, man wird es versuchen, beinhaltet das bereits von vornherein die Entschuldigung, wenn dann nichts dabei herauskommt. Man hat es ja versucht. War halt nix. Haben wir aber vorher gesagt. Herr Kohn: es zu versuchen ist nicht genug. Damit sollten Sie sich als Vorsitzender eines solchen Vereins nicht zufrieden geben.

Wesentlich schlimmer ist aber, dass er es in Ordnung findet, dass die Kirche gegen sich selber ermittelt. Denn das ist es doch, was hier (angeblich) stattfinden soll. Bei dem Ausmaß, den diese ganzen in letzter Zeit herausgekommenen Misshandlungen, angenommen haben, kann man doch nur von institutionellen Verbrechen ausgehen. Von einem System. Einem verbrecherischem System. Namens Kirche. Und ebenjene Kirche ermittelt nun, was damals vorgefallen ist? Hallo?!

Man stelle sich das vor: die Polizei besucht eine Pizzeria in Neapel, erklärt dem dort anwesenden Don das Problem mit den diversen Toten und der Geldwäsche, deren Spur zu ihm geführt hat, und verabschiedet sich unverrichteter Dinge, als der Don sagt, er werde versuchen, zu ermitteln, was da eventuell in seiner Organisation passiert sei.

Schlimm finde ich nicht, wie die Kirche da agiert. Das ist deren natürliches Verhalten. Völlig normal. Schlimm finde ich, dass man sie gewähren lässt. Und noch schlimmer, dass die Opfer das OK finden. Und am allerschlimmsten, dass diese Institution von Respekt und Toleranz schwafelt (für sich, nicht andersrum!) und fordert, Leute wegen Blasphemie mit dem Tode zu bestrafen.

Eine solche Institution darf man nicht respektieren. Und sie gehört behandelt wie jede andere Verbrecherbande.

 

[1] zu dem Artikel habe ich trotz Leistungsschutzprotest verlinkt, weil er zu den Öffentlich Rechtlichen geht. Diesen Artikel habe ich als GEZ Zahler schon bezahlt. Daher darf ich den auch kostenfrei zitieren, wofür der Link dann in Ordnung geht.

07 September 2012 | #gesellschaft

 

Soldatenfliegenzucht läuft jetzt rund

Meine Soldatenfliegenzucht ist nun endgültig von Erfolg gekrönt. Meine Futterbehälter sind voller kleiner Maden, die fleissig fressen. Den Kompost hatte ich schon vor längerer Zeit rausgeholt und draussen aufgestellt, weil da neben den Soldatenfliegenmaden noch allerlei anderes Getier drin war. Wenn die Maden da grösser sind, siedle ich sie in den Zuchtbehälter um.

Das einzige Problem an der ganzen Sache ist nun, dass die Aktion so lange gedauert hat und unsere Bartagamen villeicht bald in den WInterschlaf gehen werden. Dann muss ich die Maden verschenken oder verkaufen. Mal sehen, ob sich da Abnehmer finden :)

Hier ein (nicht ganz so apetitliches) Video der Maden:

2012-09-07 - Maden Invasion!:

06 September 2012 | #terrarium

 

Was macht eigentlich Brent Spiner?

... fragte ich mich und guckte bei Youtube herum. Zunächst fand ich dieses Video:

Herrlich! Unter anderem (Zusammenhang weiss ich nicht mehr) mit diesem Bonmot von Spiner:

Wieviel Zeit hab ich noch?

Zehn.

Zehn was? Jahre? Tage? Monate?

Neun. Acht. Sieben. Sechs...

Aber ich weiche ab...

Und über dieses Video fand ich dieses hier:

Und dort wurde Brent Spiner gefragt, was er denn momentan tun würde. Die Antwort war: Freshhellseries.

 

Das ist eine reine Youtube-Serie. Auf die Frage warum, erklärte Spiner:

Niemand will mir meine eigene Fernsehshow geben, daher entschied ich es selber zu tun

Und recht preiswert scheint es auch zu sein:

Wir haben 5 Episoden für 800 Dollar gemacht. Aber ich muss sagen, es sieht nach 900 aus.

Werd ich mir mal reinziehen. Spiner (resp. Data!) ist genial, ich liebe den Mann. Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel darüber. Jemand macht sich sogar die Mühe, die Folgen ins Deutsche zu übersetzen.

Update 2012-09-04:

J. Weschenfelder macht sich die Mühe, Respekt!.

03 September 2012 | #wasmachteigentlich

 

Warum werden Bartagamen so oft krank?

Gerade hatte ich eine Diskussion mit der besseren Hälfte, die sich darüber wunderte, warum man mit Bartagamen häufig Probleme mit Krankheiten hat, die offenbar Halter anderer Reptilien nicht haben. Wenn man über die Sache logisch nachdenkt, ist die Ursache aber ziemlich einfach zu ergründen.

Oft, in Foren und Büchern, wird falsche Haltung als Ursache angegeben. Bartagamen sind Wüstentiere und haben - wie allerdings jede Spezies - bestimmte Bedingungen die sie zum Leben benötigen. Da wäre die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Licht zu nennen. Die meisten Fehler werden beim Licht gemacht. Einer der Hauptverdächtigen ist UV-Mangel, es werden also Leuchtmittel eingesetzt, die zu wenig (oder gar kein) UV-Licht emittieren. Ohne UV können Bartagamen kein Vitamin-D erzeugen (so wie viele Lebewesen), was zu Mangelerscheinungen führen kann. Allerdings kann ein Vitamin-D Mangel nicht erklären, warum eine Bartagame anfällig für Nematoden ist.

Ein weiterer Faktor ist falsche Ernährung. Manche behaupten, Lebendfutter wäre schädlich. Andere geben nur Lebendfutter. Meiner Meinung nach ist das Nonsense. Sieht man sich an, wie die in der Natur leben, wird schnell klar, warum: dort fressen Bartagamen was sie bekommen können. Das passiert zu den unterschiedlichsten Tageszeiten und beinhaltet die unterschiedlichsten Nahrungsquellen. Es kommt auch auf die Gegend an, wo eine Bartagame lebt und was es dort für Nahrungskonkurrenten gibt.

Nein, die eigentliche Ursache ist, dass Bartagamen in Gefangenschaft zu empfindlich sind. Und zwar alle, die heute in Gefangenschaft leben. Denn man muss sich darüber im Klaren sein, dass es in Australien verboten ist, Bartagamen auszuführen (seit den 1970ern, nach dem CITES Abkommen). Daraus folgt, dass sämtliche Bartagamen, die es heute ausserhalb Australiens gibt, letztlich mehr oder weniger miteinander verwandt sind. Neue Gene kommen im Fall von Bartagamen nicht dazu, weil es keine Wildfänge gibt. Diese genetische Verarmung, die in der freien Natur schon mal zum Aussterben einer Spezies führen kann, macht die Tiere empfindlicher gegenüber Krankheiten, Parasiten oder schwankenden Umweltbedingungen.

Ein weiterer Faktor, der daraus folgt, ist, dass sich schwache, kranke oder behinderte Tiere in Gefangenschaft fortpflanzen können. In Australien ist das aber nicht so, wie überall in der Natur. Tiere, die zu empfindlich gegenüber Krankheitserregern sind, sterben und bekommen keinen Nachwuchs. Tiere, die zu langsam sind, sterben. Tiere, deren Knochen zu schwach sind, sterben. Und so weiter. Diesen Prozess nennt man Auslese und er führt zu Evolution. Deshalb gibt es in Australien eine stabile, gesunde Population von Bartagamen. Die "Population" ausserhalb Australiens jedoch ist keiner Auslese ausgesetzt. Ein Züchter tötet keine schwachen Tiere, sondern peppelt sie aufwändig auf. Tiere mit Rachitis werden mit speziellen Präparaten mehr schlecht als recht am Leben erhalten. Und alle diese Tiere, die in der Natur Todeskandidaten wären, erzeugen Nachwuchs.

Und wenn man sich diesen Nachwuchs mal anschaut, dann stellt man fest, dass es sich um die Nachkommen schwacher, kranker, genetisch armer, aus Inzucht stammender Eltern sind. Da muss man sich doch nicht wundern, dass die alle krank werden. Nähme man alle derzeit weltweit in Gefangenschaft lebenden Bartagamen, brächte sie nach Australien und wilderte sie dort aus, würden wahrscheinlich auf den Schlag 80% direkt sterben. Und von den überlebenden 20% wird vielleicht 1-2% Nachwuchs haben.

Vergleicht man die Situation der Bartagamenhaltung mit anderen Reptilien, sieht man nun auch, wo der Unterschied ist: bei anderen Reptilien kommen regelmäßig Wildfänge hinzu. Diese frischen den Genpool auf und sorgen dafür, dass die Tiere gesund und robust sind. Denen machen dann auch kleine Mängel in der Haltung nichts aus. Aber immer dann, wenn eine Tierart in Gefangenschaft gehalten wird und es keine Wildfänge gibt (sei es weil verboten oder weil ausgestorben), ergibt sich im Lauf der Zeit dieses Problem. Das haben übrigens nicht nur Bartagamenhalter. Ich als Aquarianer kann zumindest eine weitere Spezies nennen, bei denen das ebenso ist: Guppys. Bei normalen Zuchtguppys ist es heute Stand der Dinge, dass fast die Hälfte des Nachwuchses behindert ist. Diese Guppys sind die Kinder von Geschwistern von Kindern von Geschwistern von Kindern von Geschwistern und so weiter. Nur, dass sich Guppys wesentlich schneller fortpflanzen als Bartagamen, daher geht das dort auch viel schneller bergab.

Die Frage der Fragen ist, was tun? Viele beginnen damit, ihre Bartagamen nicht mehr in einer klinisch reinen Umgebung zu halten. Äste und Baumstämme werden nicht desinfiziert, Bodengrund direkt aus der Natur entnommen, Blätter nicht gewaschen und so weiter. Der Gedanke dahinter ist, dass sich die Abwehrkräfte der Tiere, dadurch dass sie vielen Bakterien und potentiellen Krankheitserregern ausgesetzt sind, ausbilden und verstärken. Bis zu einem gewissen Grad mag das stimmen. Die Sache hat aber einen Haken: wo nichts ist, kann nichts werden. Abwehrkräfte sind eine Mischung aus genetischer Veranlagung und Erlerntem (der Organismus lernt hier, nicht das Tier). Ist das Tier von Haus aus zu schwach und man setzt es einer solchen Haltung aus, wird es eingehen.

Mein Rat ist daher der einzig naheliegende: Keine Bartagamen halten. Das sagt sich leicht dahin, wir haben auch drei davon. Und wenn wir die weggeben würden, wären deren Probleme nicht gelöst, nur unsere. Aber neu anschaffen würde ich mir nach meinem heutigen Wissensstand jedenfalls keine Bartagamen mehr.

Ansonsten, wenn es denn unbedingt eine Bartagame sein muss: ich würde von Farbzuchten abraten, insbesondere von europäischen Farbzuchten. Mit der Wildform ist man am besten dran (Unter Amateuren auch als "Nominaten" bekannt). Solche Tiere sind recht unscheinbar, sie sind eher grau und meist recht dunkel. Farbige Stellen sind wenige und nur selten zu sehen.

Ja, eine Farbzucht sieht natürlich schöner aus. Aber die Freude vergeht schnell angesichts der Arbeit und der Kosten. Vom Wohlergehen des Tieres mal ganz abgesehen. Also besser von irgendwelchen "Cistrus Blah" oder "Red Fire Blubber" die Finger lassen.

Farbzuchten sehen so aus (unser Männchen Sir William):

2012-09-03 - Sir William:

03 September 2012 | #terrarium

 

Protest gegen das Leistungsschutzrecht

Es sieht ja danach aus, dass das Leistungsschutzrecht kommen wird. Dass es Unsinn ist und warum, muss ich hier jetzt nicht als Hundertausender erklären. Inzwischen gibt es eine Initiative D64, die eine Blacklist pflegt mit URLs von Verlagen, die beim LSR "mitmachen". Es gibt auch Positivlisten von URLs, die nicht mitmachen.

Diese Listen sind doch ein schlechter Witz. Die meisten dieser Verlagsangebote bieten sogenannten "Qualitätscontent". Das ist Neusprech und bedeutet von Agenturen widergekäute Texte und/oder sinnfreies Gebrabbel über Titten, Kuchenessgewohnheiten der Nordnepalesen oder die geistigen Ergüsse von Gestalten wie Bohlen, Mattheus und Becker. Nur etwa geschätzte 1% der Beiträge dort taugen überhaupt etwas. Und von denen wiederum sind nur etwa 1% ordentlich recherchiert (bzw überhaupt recherchiert). Aus welchem Grund sollte man zu solchen Angeboten überhaupt linken wollen? Das erschliesst sich mir nicht.

Des weiteren ist es doch völlig unerheblich, ob ein Verlag beim LSR mitmacht oder  nicht. Als ob dieses Gesetz eine Art Opt-In Vereinbarung wäre, die für Verlage optional ist. Freilich kann sich ein Verlag hinstellen und laut sagen: "Wir machen da nicht mit. Niemand wird von uns abgemahnt". Schön, Schön. Dürfen und Können tuns sie es aber. Jederzeit. Muss nur ein neuer Chef daherkommen, eine neue Unternehmensführung, ein Verkauf oder eine Fusion. Kann man sich also auf solche Aussagen verlassen? Nope.

Ergo ist der einzig gangbare Weg für einen Blogger, einfach grundsätzlich zu keinem einzigen Verlagsangebot mehr zu verlinken. Ich persönlich werde noch nicht einmal über Dinge berichten, die irgendein Verlag veröffentlicht hat. Sie existieren nicht mehr. Und sobald sie im Google-Index rausgeflogen sind, sind sie Geschichte. Ja, davon werden auch die Verlage betroffen sein, die nicht mitgemacht haben. Aber weisst Du was? Hätten diese Verlage doch ein bischen lauter protestiert. Ein bischen mehr Öffentlichkeit für die Problematik hergestellt. Mehr gekämpft.

Diese komischen Listen sind also Unsinn. Kein Mensch kann da den Überblick behalten. Oder durch deren Verwendung Rechtssicherheit gewinnen. Hinzu kommt, dass die Verlage es auch ohne das Leistungsschutzrecht verdienen, nicht mehr erwähnt - geschweige denn verlinkt - zu werden:

  1. Verlage verlinken üblicherweise nicht zu im Web gefundenen Quellen, die sie verwenden. Stichwort "Quelle Internet" oder wie bei RTL: "Quelle Youtube". Allein für diese fortwährende Frechheit muss man Verlage ignorieren. [Beispiel]
  2. Verlage fragen auch oft genug nicht, ob sie Bilder, Texte, oder Videos, die Bürger ins Netz gestellt haben, verwenden dürfen. Sie raubkopieren es einfach. Und beklagen sich dann einen Artikel weiter über die sogenannge "Kostenlosmentalität" unter der sie angeblich zu leiden hätten. Lügende, ignorante Wegelagerer sind sie. [Beispiel]
  3. Wie oben schon erwähnt, kommt von Verlagen kaum noch ernstzunehmende Qualität. Die meisten Artikel sind Agenturmeldungen, oft genug 1:1 übernommen. DPA kann ich auch selber lesen. Dazu brauche ich keinen Verlag. [Beispiel]
  4. Die Berichterstattung ist vereinheitlicht, konform. Praktisch alle Verlage berichten über das gleiche Thema auf die gleiche tendenzielle Weise. Eine gegensätzliche Sicht der Dinge wird von den meisten nicht erwähnt. Andere Themen erscheinen gar nicht erst bei deutschen Verlagen. Würde man seine politische Bildung nur aus Verlagsangeboten beziehen, wüsste man eine Menge Dinge überhaupt nicht. [Beispiel]
  5. Die Presse, deren Organ die Verlage ja sind, sollte eigentlich in einer Demokratie die Vierte Macht sein, ein Korrektiv, dass der Politik einen Spiegel vorhält und verhindert, dass allzu absurde, menschenverachtende, ungerechte oder gar barbarische Vorhaben umgesetzt werden. In Deutschland jedoch agiert die Presse als ein praktisch einheitlich handelndes Organ, als Hofberichterstatter. Sehr, sehr, sehr selten nimmt man mal eine Kritik von Merkel wahr. In Interviews wird nicht nachgehakt. Faule Ausreden werden akzeptiert. Journalisten sind nicht mehr unangenehm. Allein die Tatsache, dass es heutzutage üblich ist, dass Interviews vor dem Druck an den Interviewten zum Redigieren gegeben werden, sagt alles. Das ist ein Unding. Wenn ein Politiker etwas gesagt hat, hat er es gesagt und die Presse hat die verdammte Pflicht, es zu berichten. [Beispiel]
  6. Und zu guter Letzt verdienen die Verlage das Ignorieren wegen der Art und Weise, wie sie ihr ureigenstes Kapital behandeln: die Journalisten. Die werden schlecht bezahlt, massiv unter Druck gesetzt, es wird ihnen keine Zeit für Recherchen gegeben, sie werden entrechtet und nach Haushaltslage (das heisst minus die Vorstandsgehälter und Dividenden) auf die Strasse gesetzt. Und gleichzeitig erdreisten die Verlage es sich, für die Journalisten zu sprechen, als ob sie deren Interessen vertreten würden. [Beispiel]
  7. Was mich zum letzten Problem bringt: die Verlage zu ignorieren wird auch den erwähnten Journalisten noch mehr schaden. Ja. Leider. Einerseits. Andererseits - wann hat man einmal etwas von organisierten Journalisten gehört, die sich gegen diese Zustände zu Wehr setzen? Journalisten auf der Strasse? Journalisten im Streik? Journalisten, die kurzerhand ihren eigenen Verlag gründen? Journalisten, die zusammen mit ihren gefeuerten Kollegen kündigen, so dass der Verlag überhaupt keine Journalisten mehr hat, wenn er sowas tut? Ich kenne keine einzige solche Aktion. Es gibt keinen Protest, nur ein paar jammernde Beiträge über das Problem hier und da. Aber wie das im Leben so ist: wer nicht kämpft hat schon verloren. [Beispiel aus Österreich]

Wie man sieht, gibt es reichlich Gründe, Verlage zu missachten. Da ist das Leistungsschutzrecht nur ein unwesentlicher weiterer Faktor. Und schon gar keiner, über den man sich gesondert aufregen müsste.

Ein wesentlicher Grund, warum es zu diesem unsäglichen LSR überhaupt gekommen ist, ist die andauernde leoliberale Propaganda, der scheinbar alle erlegen zu sein scheinen. Allen voran hat gerade die Presse diese Propaganda zumeist unreflektiert hinausposaunt. Und nun leiden sie an eben jener krankhaften Vorstellung, ein Verlag müsse ein profitables Unternehmen sein, dessen Profit von Jahr zu Jahr zu wachsen hat. Presse war noch nie ein pofitables Geschäft. Bisher war Presse vor allem eines: aufwändig und defizitär. Wenn eine Zeitung gut lief, dann konnte sie gerade eben die Kosten einspielen. Ein Audi A6 für den Chef war da nicht drin.

In den letzten Jahrzehnten jedoch hat sich das geändert. Das heisst, die Ansichten haben sich geändert, die reale Lage aber nicht. Presse ist immer noch ein defizitäres Geschäft, mit der man gerade eben - mit viel List und Tücke - seine Kosten decken kann. Wie soll ein Verlag also Profit machen? Und den auch noch von Jahr zu Jahr steigern? Dafür gibt es genau zwei Methoden, derer sich ein Verlag bedienen kann: mehr Werbung und Kosten senken. Wie die Verlagsseiten mit Werbung vollgeballert sind, ist Allgemeinwissen. Kosten senken Verlage, indem sie ihre Arbeitskräfte immer mehr ausbeuten. Und da die Profite zu allem Unglück auch noch steigen müssen, muss die Ausbeutung immer schlimmer werden. Alles hat aber seine Grenzen, auch Ausbeutung und Werbung. Das wissen auch die Verlage.

Die logische Schlussfolgerung wäre eigentlich, zu der Einsicht zu gelangen, dass man mit Presse nicht reich werden kann. Aus dieser Denke kommen die leitenden Figuren in diesem Spiel aber nicht heraus (sofern sie nicht jemand quasi mit Gewalt darauf stösst, was nicht passieren wird, siehe Punkt 7 oben). Sie müssen also mehr Geld machen. Irgendwie. Daher kommt das Leistungsschutzrecht. Die wissen ganz genau, wie absurd es ist. Und sie wissen auch ganz genau, dass es scheitern wird, dass es keinen einzigen Cent einbringen wird. Aber nun sie haben einen anderen, dem sie die Verantwortung zuspielen können: der Politik oder Google, wenn sich die Aktionäre über sinkende Dividenden beschweren.

Das Leistungsschutzrecht hat also nur einen Daseinszweck: es soll die Verantwortlichen in der Presse davor bewahren, die Verantwortung für ihr Versagen übernehmen zu müssen. Das wirklich Schlimme daran ist, dass den Preis für diese Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, unsere Demokratie zu zahlen haben wird. Beziehungsweise, die Demokratie zahlt den Preis ja bereits. Denn eine echte Demokratie, die den Namen verdient, haben wir in Deutschland schon lange nicht mehr. Und die Schuld dafür tragen nicht Typen wie Schäuble, Merkel oder Ziercke. Die Chefetagen der Presseverlage tragen die Schuld. Und sie wissen es.

01 September 2012 | #recht